Historische Liedersammlungen



 
  A58
Titel:Volkstümliche Lieder der Deutschen (OLMS)
Herausgeber / Verlag:Böhme, Franz Magnus. Breitkopf & Härtel / Wiesbaden
Erscheinungsjahr / Zeitalter:1895 / 1970
Weitere Information:780 Texte samt Melodien auf 628 Seiten. Mit Erläuterungen zu den Liedern.

Nach Wort und Weise aus alten Drucken und Handschriften, sowie aus Volksmund zusammengebracht, mit
kritisch-historischen Anmerkungen versehen und herausgegeben von Franz Magnus Böhme.

Auszug aus dem Vorwort:
'Was singt das Volk? Auf diese Frage, welche für Volkserziehung und Kulturgeschichte sowie für Dichter, Komponisten und Literaturhistoriker nicht gleichgiltig sein kann, lautet die auf Beobachtung gestützte Antwort: das Volk singt nicht nur seine alten Lieder der Überlieferung von ungenannten Verfassern, Volkslieder im engeren Sinne, sondern daneben auch eine Menge von Liedern in der einfachen Art der Volkslieder, durch Kunstdichter verfaßt, deren Verfasser zumeist nachweisbar sind: das sind die sogenannten volksthümlichen Lieder oder Volkslieder im weiteren Sinne. Außer diesen werden noch Gesänge von zweifelhaflem Werthe gehört, die als Flugblätter 'gedruckt in diesem Jahr' auf Jahrmärkten verkauft, oder als Tingeltangelverse in Spielhallen, oder als Couplet in niederen Possen und Operetten gesungen wurden und auf diesen Wegen ins Volk eingedrungen sind. Diese modernen Gassenhauer haben hinsichtlich des Ursprungs mit dem Volksliede etwas gemeinsam, nicht aber deren Werth und Lebensdauer; glücklicherweise treten sie nur vorübergehend auf, und nachdem sie eine kurze Zeit Mode gewesen, verschwinden sie wieder.

Wir befassen uns hier mit den volksthümlichen Liedern (der Name ist nicht durch Hoffmann von Fallersleben erst aufgekommen, sondern schon 1835 vom Freiherrn von Erlach in seinen Volksliedern, V. Band S.23, gebraucht.)
Das volksthümliche Lied entstammt den Kreisen der Gebildeten, ist aber nach Inhalt und Sprache in dem allgemein verständlichen Ausdrücken und Wendungen abgefaßt und wird darum von den Massen gesungen. Die ansprechenden Kunstdichtungen werden aber zu wirklichen Volksliedern, sobald das Volk sie in seiner Art 'verarbeitet' hat.
Wodurch unterscheidet sich das volksthümliche Lied vom echten Volkslied? Das ist schwer zu bestimmen, zuweilen ganz unmöglich, weil die Frage 'Was sind Volkslieder?' unter die Vexirfragen gehört, der Begriff sehr dehnbar und eine Definition nicht in wenig Worten zu erschöpfen ist. Nach einer befriedigenden Definition habe ich mich vergeblich umgesehen. Eins landläufige Erklärung sagt: Volkslieder sind im Volke selbst entstanden, aus seinem Denken und Empfinden hervorgegangene, leicht singbare Lieder von ungebildeten(?), meinst ungenannten(?) Verfassern, und durch Überlieferung verbreitet. Daran ist viel auszusetzen. Die Lieder sollen im Volke entstanden? Vom Volke verfaßt sein?
das muß erst erst umgeschrieben werden, wenn es Sinn haben soll. Das Volk als solches dichtet niemals, sondern immer nur ein Einzelner, die Andern aber nehmen das Gedicht auf, weil es ihrem Gefühle und Bildungskreise entspricht und gefällt, singen es nach, ändern daran, bis endlich niemand mehr weiß, wer der Verfasser ist. Ein Einzelner kann auch nicht mehr als der wirkliche Verfasser gelten, da viele an dem ursprünglichen Texte oder Tone gearbeitet, weshalb man sagen darf: eine Vielheit (das Volk) hat es nach und nach verfaßt. So nur ist Uhland zu verstehen, wenn er sagt: 'Es ist bloße Redeform, daß Völker dichten. Der Drang, der in den einzelnen Menschen inwohnt, ein geistiges Bild seines Wesens und seines Lebens zu geben, ist auch in ganzen Völkern wirksam.' In diesem gemeinsamen Hervorbringen haftet der Begriff der Volkspoesie.' Dresden, am 11. März 1895. Franz Magnus Böhme