Historische Liedersammlungen



 
  A56
Titel:Deutsche Volkslieder (OLMS)
Herausgeber / Verlag:Lewalter, Johann. Georg Olms Verlag / Hildesheim
Erscheinungsjahr / Zeitalter:1890 / 1982
Weitere Information:5 Hefte in einem Band. Insgesamt 236 Lieder in Text und Melodie auf 437 Seiten.

In Niederhessen aus dem Munde des Volkes gesammelt mit einfacher Klavierbegleitung, geschichtlichen und vergleichenden Anmerkungen herausgegeben von Johann Lewalter.
Seinem väterlichen Freunde Herrn Albert Baier in Dankbarkeit und Verehrung zugeeignet.

Auszug aus dem Vorwort:
'Nachfolgende Lieder, welche das Landvolk nach der Arbeit, die Soldaten auf dem Marsche und die Kinder beim Spiel in Niederhessen singen, habe ich aus dem Munde des Volkes seit dem Jaher 1889 gesammelt. Ich schöpfte frisch von der Quelle, belauschte Burschen und Mädchen, Soldaten und Kinder beim Singen und schrieb Worte und Weisen der schönen Lieder genau so nieder, wie ich sie gehört, ohne etwas wegzulassen oder zuzusetzen.

Wenn man berücksichtigt, daß das eigentliche Volkslied in neuerer Zeit durch andere wertlose Gesänge, welche sich dem Landmanne aufdrängen, gefährdet ist, wird man die hier vorliegenden Sammlung gerechtfertigt finden. Wie eine Krankheit durcheilen dieses Jahr viele schädliche Lieder Deutschland, keine Stadt, kein einsames Dorf verschonend. Bis in die Spinnstuben, welche früher nur das wahre Volkslied pflegten, dringen sie ein und wirken zerstörend auf die alte Urwüchsichkeit und Reinheit. Da ist es in der That nötig, festzuhalten und aufzubewahren, was noch echtes Volksgut ist.
Während in den meisten der bisher erschienenen Volksliedersammlungen die Weisen übergangen oder nebensächlich behandelt worden sind, finden hier Worte und Weisen gleiche Berücksichtigung. Vilmar schreibt im 'Handbüchlein für Freunde des deutschen Volksliedes' mit Recht: - und doch wird ein Gedicht nur durch den Gesang unser ganzes volles Eigentum, das wir dasselbe gewissermaßen mit dem Dichter teilen; nur durch den Gesang genießen wir daselbe ganz, mit Leib, Seele und Geist, nur durch den Gesang haben wir volle, unvergängliche Freude daran, und nur durch den Gesang endlich wird die Dauer des Liedes, ja gewissermaßen seine Unsterblichkeit gesichert. Gesungen muß ein Lied worden sein, von vielen gesungen und lange gesungen, wenn wir es für ein rechtes Volkslied halten sollen.

Da auch die früher erschienenen Sammlungen hessischer Volkslieder der Weisen entbehren, sind die hessischen Weisen hier zum erstenmale aufgezeichnet. Die höchste Stimme der Klavierbegleitung giebt die Weise des Liedes auf das genauste wieder. Die Klavierbegleitung ist so einfach gesetzt, daß auch der weniger geübte Spieler dieselbe bequem auszuführen vermag.
In den vergleicheden Anmerkungen ist das Jahr des erstmaligen Abdruckes der Lieder angegeben, wenn ein solcher überhaupt stattgefunden hat und dadurch auf die mutmaßliche Herkunft hingedeutet, soweit dies nach den benutzen Quellen möglich war. Der Hinweis auf diejenigen Bücher, in denen sich die hier abgedruckten Volkslieder in anderer Form vorfinden, wird dem Forscher und Freunde des Volksliedes angenehm sein und ihm Gelegenheit geben, weitgehende Vergleiche anzustellen, als sie in den Rahmen dieser Sammlung passen.
Da das Volk frei den der Leber weg singt und keine Zimperlichlkeit kennt, sind seine Ausdrücke oft derb und rauh, aber niemals gemein. Will ein Sammler der Geschichte des Volksliedes einen Dienst erweisen, darf er von der Aufzeichnung solcher Lieder, vor denen zartbesaitete Seelen vielleicht zuückschrecken könnten, nicht abstehen, er ist vielmehr verpflichtet, auch derartige Niederschriften ohne die gerigsten Abänderung im Drucke wiederzugeben.
Es hat zu allen Zeiten nicht an Nasentrümpfern gefehlt, welche für das echte Volkslied nur ein Achselzucken oder Lächeln übrig gehabt haben. Nachfolgende Lieder sind nur für diejenigen Menschen niedergeschrieben, welche sich noch mit dem Volke zu freuen und dessen Sitte und Eigenart zu achten vermögen. Die Lieder sind in einsamen Dörfern, im Walde, auf den Wiesen wie ein Strauß frischer Feldblumen gepflückt, sie können eben nicht erfreuen, welcher, weil es Rosen und Nelken giebt, das Gänseblümchen und den Ehrenpreis verachtet.'
Kassel, im September 1890. Johann Lewalter.