Historische Liedersammlungen



 
  A1433
Titel:Oberschefflenzer Volkslieder und volkstümliche Gesänge (GROSSFORMAT)
Herausgeber / Verlag:Bender, Augusta. Deutscher Volksgesangverein in Wien. Verlag von G. Pillmeyer / Karlsruhe
Erscheinungsjahr / Zeitalter:1902
Weitere Information:120 Lieder auf 312 Seiten

Zu einer Zeit, in welcher der alte echte Volksgesang mit Riesenschritten seinem Ende zueilt, dürfte jedes Rechstchen desselben, das durch eine glückliche Hand noch kurz vor dem Versinken gerettet wurde, nicht allein für den Forscher und Kenner, sondern auch für das gesamte deutsche Volk von Interesse sein. Es ist wie ein treues Vermächtnis der Vorzeit unseres Volkes an die Gegenwart und Zukunft, und deshalb von unendlichem Werte, wie alles Unersetzbare und Unwiederbringliche. Denn das Leben einer Nation kann sich so wenig wiederholen, wie das des einzelnen Menschen, und wir können ebensowenig wieder eine Blütezeit des Volksgesanges bekommen, als man vom Greis oder Manne nochmals zum Jüngling oder Knaben werden kann.

Bereits zu Anfang dieses Jahrhunderts hat unser Volk begonnen, in den Sammlungen seiner Lieder ein Stück seiner Lebensgeschichte niederzulegen und dieselbe seither beständig zu ergänzen. Achim von Arnim und Clemens von Brentano, sowie Simrock, suchten in ihren Sammlungen das Gesamtleben des deutschen Volkes zum Ausdruck zu bringen. Fiedler, Meinert, Hoffmann von Fallersleben, Ernst Meier, Difurth u.a. haben den Volksgesang besonderer Landschaften zum Vorwurf ihrer dankenswerten Forschungen erwählt. Doch ist natürlich auch diesen fleißigen Quellforschern manches entgangen, was nur auf besonderem Wege zu erlangen war; bin ich doch selber behufs Ergänzung einer vergessenen Strophe oder Zeile oft tagelang vergeblich von einem Ende des Dorfes zum andern gewandert, bis ein Zufall mir das Gesuchte dann unvermutet in den Schoß geworfen hat.

Die vorliegende Sammlung, die ich hiermit dem Vaterlande übergebe, hat vor allem andern die Eigenheit voraus, daß sie die Lieder eines einzigen Dorfes während nahezu eines ganzen Jahrhzunderts enthält. Meine eigenen Lieder schließen mit dem Jahre 1863, wo ich als siebzehnjähriges Bauernmädchen das Dorf verließ. Was ich mir auswärts an Volksliedern und volkstümlichen Liedern aneignete, hat in dieser Sammlung keine Stellung gefunden; ich wollte keine Zeile geben, die nicht in jedem Sinne mein eigen war. Denn auch was ich an derartigen Liedern von meiner Mutter lernte, ist so völlig, ja noch mehr als die andern, mein eigen geworden, daß manche dieser Lieder bereits in anderen Sammlungen enthalten sind, wenn auch meistens mit unähnlichen Melodien oder textlichen Verschiedenheiten. Ich habe sie um so unersetzlicher gehalten, als sie schon in meiner Kindheit von keinem Menschen mehr gesungen wurden. Viele sind es in der That und dies mehr noch der Weisen als der Worte wegen.
Ohne daß ich damals jedoch die geringste Kenntnis vom Werte eines echten Volksliedes besaß, pflegten mir die Lieder meiner Mutter fast durchgehends schöner als die meiner eigenen Generation vorzukommen. Ich nahm sie deshalb auch nicht allein bei dem Wortlate nach in mir auf, sondern sang sie mit meiner Mutter, wo immer wir allein und unbeobachtet waren. Wenn man eine Frau nach ihrer Verheiratung, oder gar im höheren Lebensalter, noch singen hörte, so wurde es ihr als Mutwillen ausgelegt. Mit verhaltenem Schmerz hat sich meine Mutter zuweilen über diese irrtümliche Auffassungsweise ausgesprochen; denn sie sang oft noch lieber, wen sie traurig, als wenn sie lustig war, da sie sonst kein Mittel besaß, die reiche Welt ihres inneren Lebens zum Ausdruck zu bringen.

Indessen ist noch während der letzen Jahre meines Dorflebens mit unserem Volksgesange eine merkliche Veränderung vorgegangen; denn was an anderen Liedern aufgenommen und beliebt geworden ist, waren keine echten Volkslieder mehr, sondern volkstümlich gewordene Literarturlieder, welche gleichzeiting auf allen Drehorgeln und Klimperkasten der Städte gespielt wurden. Und selbst der echte Volksgesang zeigte nicht mehr die alte Abrundung und Einheit, welche die Lieder meiner Mutter und meiner früheren Kindheit so vorteilhaft von denen der bloß textlichen Sammler auszeichnet. Ich habe mich deshalb erst verhältnismäßig spät entschlossen, vergleichshalber auch eine Anzahl der später im Dorfe gesungenen Lieder in meine Sammlung aufzunehmen. Die meisten waren durch einheimische Soldaten oder fremde Handwerksgesellen ins Dorf gebracht worden, und obgleich sie dem Texte nach zum Teil noch viele Merkmale des alten Volksgesanges an sich tragen, kommen ihre Melodien mir doch ungleich weniger schön und mannichfaltig vor, als die der früheren Volkslieder. Aber selbst dieses sind zum Teil mit neuen Weisen und fremdartigen Elementen vermischt wieder von auswärts eingewandert, wie jene Verschmelzung des Liedes von der wunderschönen Jüdin mit den zwei Königskindern, von denen sich während neiner Kinderjahre noch keine Spur gezeigt hat. Freilich finden sich derartige Verschmelzungen in allen Volksliedersammlungen, besonders im Wunderhorn, bei Simrock und Ernst Meier. Diese Sammlungen scheinen die unzertrennbare Einheit von Wort und Weise nicht genügend gekannt und gewürdigt zu haben, um die uns vermittelten Lieder in ihrer lebendigen Form, das heißt als Gesang zu erfassen.

Bei allem habe ich die bloß musikalischen Volksliedrsammlungen nur wenig zu Rate gezogen. Die meisten derselben geben unter Hunderten von sogenannten Volksliedern oft kein halbes Dutzend wirklicher, und sie haben somit vielfach zu der Begriffsverwirrung beigetragen, etwas nur deshalb für ein Volkslied zu halten, weil es dem einen oder andern Dorfe gesungen wird. Es giebt sehr wenig Leute, auch in wissenschaftlich gebildeten Kreisen, die von den Merkmalen des echten altes Volksgesangs irgend eine Kenntnis haben, wenn derselbe nicht zufällig in ihr Fach zu schlagen pflegt
Diese Liedersammlung ist in folgende Teile aufgeteilt:

1. die, welche ich von meiner Mutter lernte.
2. die, welche ich bis zum siebzehnten Lebensjahre selbst gesungen habe, oder die sich mir in früherer Kindheit durch besonders charakteristische Weisen oder Worte eingeprägt haben.
3. die, welche ich nachmals im Dorfe hörte und die ich mir erst später entschlossen habe, in meine Sammlung aufzunehmen.
2. und 3. Solche Lieder, die von alten wieder zu neuen geworden waren, was jedoch nur teilweise von den meinigen, von denjenigen meiner Mutter aber gar nicht der Fall ist, da dieselben in meiner Kindheit längstens schon verklungen waren.

Augusta Bender
Heidelberg, den 30. Juni 1893