Historische Liedersammlungen



 
  A1265-1
Titel:Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder, Ludwig Uhland - Band 1 (Liedersammlung, Buch 1-3)
Herausgeber / Verlag:Uhland, Ludwig. Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung / Stuttgart
Erscheinungsjahr / Zeitalter:1892
Weitere Information:Alte hoch- und Niederdeutsche Volkslieder mit vier Abhandlungen und Anmerkungen dazu.
Eine 4-bändige Sammlung mit 410 Texten auf insgesamt 1,236 Seiten.
Band 1 ist aufgeteilt in Buch 1, 2 und 3.

Auszug aus der Einleitung von Hermann Fischer:
'Uhlands Ausgabe der deutschen Volkslieder ist nicht die erste, welche in Deutschland erschienen ist, sie ist auch nicht seine erste gelehrte Arbeit; aber wie sie die erste wirklich wissenschaftlich begründete und dauernd brauchbare Ausgabe deutscher Volkslieder war, so bezeichnet sie in Uhlands eigener gelehrter Tätigkeit den Höhepunkt.
Man hat den Sinn der Worte Volkspoesie und Volkslied oft falsch und einseitig gefaßt. Sicher ist, daß man unter einem Volkslied nur ein solches verstehen darf, welches wirklich in kleinerem oder größerem Umkreis vom ganzen Volke gesungen wird. Charakteristisch ist einmal der Gesang; ein bloßes Sprechen ist undenkbar. Damit ist gegeben, daß es sich eben nur um Lieder im gewöhnlichen Sinne des Wortes handeln kann, das heißt um strophische Gedichte rein lyrischen oder balladenartigen Charakters. Außerdem liegt darin, daß das Volkslied vom ganzen Volke gesungen wird, schon von selbst die weitere Bestimmung, daß es nach Inhalt und Gedankenkreis dem Interesse und Verständnis der Gesamtheit zugänglich sein muß. Über den Ursprung des Volksliedes ist aber damit noch gar nichts gesagt, und gerade über Ursprung und Wert dieser Liedergattung sind mitunter höchst seltsame und extravagante Äußerungen gefallen, mindestens Ausdrücke gebraucht worden, die man nicht genauer abwägen darf, wenn sie nicht als schief und irreführend erfunden werden sollen. Denn was soll damit gesagt sein, wenn es heißt, das Volkslied dichte sich selbst, es wachse wie ein Naturprodukt aus dem Nährboden der Volksseele hervor und wie man sich sonst schon ausgedrückt haben mag? Eine bestimmte Person hat doch immer diese und jene bestimmten Worte und Verse zu Strophen gruppiert. Es kann auch vorkommen, daß zwei oder mehr zusammenarbeiten, wie das in manchen Volksliedern am Schlusse ausdrücklich gesagt ist, und es ist leicht zu beobachten, daß das fertige Lied, wenn es in den Mund der Leute gekommen ist und von Ohr zu Ohr weiter wandert, diese und jene Veränderungen, Zusätze, Verbesserungen oder auch Einstellungen erfährt, so daß daselbe Lied, aus verschiedenen Zeiten und Orten überliefert, sich oft ziemlich verschieden ausnimmt; aber jedes einzelne Moment in diesem Prozeß muß einem Einzelnen zugeschrieben werden, wenn auch solcher Einzelnen noch so viele sein mögen, deren Thätigkeit das schließliche Gesamtresultat erzeugt. Nur ist freilich, auch abgesehen von den nachhaltigen Veränderungen, jene Thätigkeit Einzelner für uns meistens nicht mehr kontrollierbar. Wer diejenigen sind, welche unsere Volkslieder gedichtet haben, wissen wir nur gelegentlich mehr oder weniger genau, meistens aber gar nicht. In unserem Jahrhundert ist es nicht selten vorgekommen, daß Kunstdichter im Volkston gedichtet haben und, wenn auch minder häufig, daß diese ihre Erzeugnisse zu wirklichen Volksliedern geworden sind; man darf ja nur an Uhland erinnern, dessen 'Guter Kamerad' und 'Der Wirtin Töchterlein' in aller Munde sind, oder an Silchers Volkslieder, in denen wie manche Melodien seiner eigenen Erfindung, so auch manche moderne Gedichte bekannter und unbekannter Verfasser stehen. Dergleichen kann zu jeder Zeit vorgekommen sein; häufigere Erscheinung wird es freilich nur in einer Zeit sein, wo die poetische Ausdrucksweise der verschiedenen Gesellschaftsschichten die nämlich ist oder wo, wie in unserem Jahrhundert, eine bewußte Hinneigung der Kunstpoesie zur Volksdichtung wirksam ist.
Im großen Ganzen werden die Urheber des Volksliedes noch immer denselben Kreisen angehört haben, in welchem es dann auch gesungen wurde, welchen die Sprache, die es spricht, naturgemäß und sozusagen angeboren ist. Jedenfalls gibt es immer für eine gewiße Zeit auch einen gewissen Stil, eine gewiße Summe von Vorstellungen und Ausdrücken, welche als volksmäßig angesehen werden müssen, und das ist nichts anders als die Summe von Begriffen, Kenntnissen und Willensbestrebungen, welche zu jener Zeit dem ganzen Volke gemeinsam ist. Aus diesen Elementen muß sich Inhalt und Sprache des Liedes zusammensetzen, wenn es Volkslied werden will; es muß in den allgemein üblichen, ohne weiteres Nachdenken jedem verständlichem Begriffe und Wendungen gehalten sein; jede stärkere Einmischung einer individuellen Geistesart oder einer spezifischen höheren Bildung gefährdet die Popularität des Produkts.
......... Diese Abhandlung über das Volkslied wird mit Recht zu den ausgezeichnesten Leistungen des Gelehrten Uhland gerechnet. Schon die frühesten gelehrten Arbeiten Uhlands zeichnen sich durch Eigenschaften aus, wie man sie bei jungen Gelehrten nicht zu finden erwartet, wie sie aber ähnlich sich auch in der Jugenddichtung Uhlands zeigen; sie haben nichts von jugendlicher Vorschnelligkeit und nichts von jugendlichen Unselbstständigkeit und Unbestimmtheit an sich. Uhland hat als Mensch, als Dichter und als Denker stets genau gewußt, was er wollte und was er konnte. Er hatte einen klaren Blick und die Gabe, das Gesehende treu und überzeugend andern darzustellen. So ist er keiner der Gelehrten, die, wie Jakob Grimm, mit genialem Ausgreifen sich ganz neuer Forschungsbebiete bemächtigen; aber was er anfaßt, ergreift er am richtigen Ort und läßt es nicht los, bis er durch geduldige, auch das Kleinste nicht verschmähende Arbeit es sich und andern zum festen Besitz erworben hat. Ohne Seitensprünge und ohne Hast gelangt er ruhig und sicher zum Ziel, und nie hat ein Gelehrter weniger Subjektivität in seinen Forschungen eingemischt, nie einer so lediglich die Sache sich aus sich selbst entwickeln lassen wie Uhland. Andere würden bei ähnlichem Vorgehen vielleicht nur trockenes, wenn auch äusserst solides Material von Thatsachen zusammenbringen; bei Uhland ist der Künstler in seinen gelehrten Arbeiten nicht minder groß als in den Gedichten. Er hat mit den älteren Germanisten, die aus der Schule der Romantik hervorgegangen sind, das gemein, daß er nicht bloß mit dem Kopfe, sondern mit dem Herze dabei ist. Er hat nur Gegenstände behandelt, die ihn gemütlich anzogen; aber je größer sein gemütlicher Anteil, an der Sache ist, um so ferner liegt ihm jeder phrasenhafter Enthusiasmus, jede blinde Parteinahme.'
Hermann Fischer.